Lohnt sich der Wechsel in ein Sportinternat auf dem Weg zum Fußballprofi? Ein persönlicher Erlebnisbericht

Image of a soccer field

Von unserem Gründer und Geschäftsführer Patrick Häntschke, Deutscher B-Jugend Vizemeister 2004 und Absolvent des Nachwuchsleistungszentrums beim damaligen Bundesligisten FC Energie Cottbus (2000-2008).

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind 12 Jahre alt und in ihrer Lieblingssportart so begabt, dass Talentscouts auf Sie aufmerksam werden. Ihnen wird die Möglichkeit unterbreitet, auf ein Sportinternat oder eine Nachwuchsakademie zu wechseln. Hier sollen Sie unter den besten Bedingungen trainieren, um später ihre Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Eine sehr schwierige Entscheidung, besonders in jungen Jahren.

Sie entscheiden sich dafür. Plötzlich sind Sie hunderte Kilometer weit weg von zu Hause, in einem komplett neuen Umfeld, ohne Eltern und erst einmal auch ohne Freunde. Sie kommen wegen der Vielzahl an Trainings- und Wettkampfterminen nur an ein bis zwei Wochenenden im Monat nach Hause und werden daher auch über die nächsten Jahre nicht an Geburtstagsfeiern der Familie oder der engsten Freunde teilnehmen können. Nächtliche Ausflüge und andere jugendliche Späße sind tabu, weil diese eine Suspendierung seitens der Nachwuchsakademie nach sich ziehen würden. Letztlich verdienen Sie noch nicht einmal Geld, sondern erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit, Fußballprofi zu werden. Dennoch sind Sie bereit diese Entbehrungen auf sich zu nehmen, weil das Ziel und die Vision klar sind.

Man berichtet gerne von den Erfolgsgeschichten, aber was ist mit den „anderen“ Karriereverläufen?

Solche Geschichten sind natürlich der Anfang von erfolgreichen Profikarrieren wie z.B. der von Toni Kroos, welcher mit 15 Jahren in das hunderte Kilometer entfernte Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern München wechselte. Es gibt jedoch auch sehr viele junge Sportler, welche die gleichen Opfer erbrachten, aber denen die große Profisportkarriere durch bspw. schwere Verletzungen oder andere Umstände verwehrt blieb. Statistisch gesehen schafft es tatsächlich nur jeder zehnte Spieler aus einem Bundesliga Nachwuchsleistungszentrum, später Fußballprofi zu werden [1]. Selbst bei U18 Nationalspielern ist es nur ca. einer von zwei Toptalenten, welcher den schwierigen Weg zum Spieler der 1. Bundesliga meistert [1].

Als Elternteil würde ich mich heutzutage fragen, ob es sinnvoll ist, sein Kind auf diesen Pfad zu bringen oder ob es nicht besser wäre, den „normalen“ Weg zu wählen und sein Kind vor zu großen Enttäuschungen zu bewahren. Rückblickend auf meine eigene Persönlichkeitsentwicklung sehe ich es als sehr sinnvoll, hier das Kind entscheiden zu lassen, ob es diesen Weg gehen möchte. Die eigene Entscheidung und das Wissen, dass ich mich selber dafür entschlossen hatte, war für meine intrinsische Motivation und weitere Persönlichkeitsentwicklung entscheidend.

Professionelle Nachwuchsleistungszentren bieten optimale fußballspezifische Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass man als Elternteil einen neutralen Standpunkt einnehmen und beratend zur Seite stehen sollte. Hier ist es mir wichtig anzumerken, dass man nicht versucht, den Traum vom Profi durch das eigene Kind zu leben. Nichtsdestotrotz kann man sein Kind natürlich bei der Entscheidungsfindung bestmöglich unterstützen. Beispielsweise kann man sich zusammen über die Abläufe in den Nachwuchsleistungszentren informieren und die Konsequenzen der Entscheidung sorgfältig abwägen. Weitere Tipps für Eltern hat die DFB-Akademie basierend auf drei sehr interessanten Veröffentlichungen [2,3,4] praktisch zusammengefasst [5].

Bei einem näheren Blick in die Nachwuchsleistungszentren werden die hervorragenden und sehr professionellen Trainingsmöglichkeiten schnell deutlich. Jedoch wird auch klar, dass das Umfeld extrem wettbewerbsorientiert ist. Nur die besten Spieler spielen regelmäßig und rücken in die höheren Mannschaften vor. Diese Auslese erklärt natürlich auch die sehr niedrige Erfolgsquote auf dem Weg zum Fußballprofi.

Erst später weiß man, ob es sich gelohnt hat.

Ob es rückblickend die richtige Entscheidung war, in ein Sportinternat oder Nachwuchsleistungszentrum zu wechseln, kann man nur erfahren, wenn man den Weg tatsächlich gegangen ist. Falls aus der Entscheidung heraus eine Profikarriere entsteht, war es natürlich genau das Richtige. Wenn nicht, dann hat man hoffentlich durch die Erfahrungen im Umgang mit Erfolgen und Niederlagen trotzdem sehr viel für das weitere Leben gelernt. Hier haben mich besonders die Niederlagen geschult und meine Persönlichkeitsentwicklung stark vorangetrieben. Ich bin davon überzeugt, dass diese Erfahrungen auch dazu beigetragen haben, mein Studium erfolgreich abzuschließen.

Viele ehemalige Weggefährten würden mir zustimmen und rückblickend den gleichen Weg noch einmal gehen. Insbesondere aus Hingabe zum Sport und dem Spirit im gesamten Umfeld. Ich bin dankbar, dass ich diesen Weg mit Gleichgesinnten gehen durfte und die wertvollen Erfahrungen mit in mein weiteres Leben nehmen konnte.

Patrick Häntschke

#trainyourbrain

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Referenzen

[2] Journal of Applied Sports Psychology Artikel: Link

[3] Buch „Football Psychology: From Theory to Practice“: Link

[4] International Journal of Sport Communication Artikel: Link

[5] DFB-Akademie „Elterncoaching: Training für die Eltern“ Artikel: Link